
Zwischen Almen und Apfelbäumen, in einer stillen Bucht der Südtiroler Berge, hat der Architekt Martin Gruber ein Haus entworfen, das wie eine geschmeidige Skizze in die Landschaft gelegt ist und sich den gängigen Regeln entzieht. Die Freiform – ein Ferienhaus aus Glas, Beton und Intuition;
Ein Gespräch über organische Architektur, das Bauen ohne Bauherr – und warum das Leben selten rechte Winkel kennt.
Martin Gruber: Bauen ohne Bauherr ist für Architekten die klassische Wunschvorstellung. Man glaubt, es sei Freiheit pur. Aber Bauen für sich selbst ist die vielleicht härteste Übung. Auch hier sollte man genau so vorgehen, als wäre man ein externer Bauherr, sollte sich genau überlegen, was das Ziel ist, ein Raumprogramm erstellen etc. Disziplin ist hierbei ein wirklich guter Ratgeber; man muss sich selbst eine Struktur geben.
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Der erste Entwurf sah fünf kleine Holzbauten vor; denn fünf hätten wir bauen dürfen. Am Abend vor der Eingabe saß ich da – und wusste: Wenn ich jetzt nicht beides bin, Bauherr und Architekt, dann nie mehr. Also habe ich alles über Bord geworfen. Und in einem Befreiungsschwung, eine Form gezeichnet, die sich einfach richtig angefühlt hat. Das sind die Momente, in denen man spürt: Jetzt bin ich ganz bei mir.
"Manchmal ist die Hand schneller als der Kopf und das ist gut so."
Die klassische Kiste lässt sich natürlich einfacher definieren und greifen. Eine freie Form bietet aber nicht nur den Platz dort, wo man ihn braucht, sondern man begeht den Raum auch anders; man hat keine Flucht, nur Raum. Du gleitest zwischen Schlafen, Kochen und Sitzen. Bei der Freiform können wir beobachten, wie die verschiedensten Gäste sich alle von alleine zurechtfinden, man muss ihnen im Grunde gar nichts zeigen oder erklären…
"Das Leben ist halt eher eine Kurve, als ein rechter Winkel…"

Beim anders hat Andi (Anm. d. Red.: Eigentümer) meinen Vorschlag, etwas Kleines, Feines, Besonderes aus dem zuvor großen Hotel zu machen, lange reifen lassen. Dann hat er gespürt, dass sich diese Idee besser anfühlt als auf Maximierung zu setzen.
Ich lade meine Auftraggeber grundsätzlich ein, mitzudenken, mitzumachen. Ich arbeite nicht mit Präsentationen, sondern mit Gesprächen. Mit Händen, mit Holzmodellen, mit Kartoffelsäcken, mit Skizzen. Ich will wissen, wovon jemand wirklich träumt. Und dann entsteht etwas, das uns beide trägt. Ich plane nicht allein – ich baue Beziehungen. Und bin dann sehr offen für das, was wir gemeinsam entstehen lassen. Da vertraue ich dann auch voll und ganz der Architektur.
Im Grunde muss man nur zulassen, dass sich ein gutes Architekturkonzept von alleine entfaltet. Du musst nur zuhören, steuern, auf Kurs halten, nicht diktieren. Ein gutes Konzept hat Kraft. Es trägt sich, entfaltet sich von selbst. Insbesondere bei freien Formen gilt: Wenn du versuchst zu kontrollieren, wird es starr. Wenn du vertraust, wird es lebendig. Dafür braucht es Leidenschaft, das Kribbeln… Und auch die Sehnsucht, etwas zu erfinden.
Ja, die Form bricht sich Bahn und man darf sie nicht bremsen. (lacht) Man darf der Form vertrauen...

Ja, absolut! Diese Fingerübung bedeutet mir sehr viel. Ich arbeite die Figuren nicht aus – ich halte sie an der Schwelle. So bleiben sie offen, und das schafft Raum. Raum für die anderen, für Deutung, für Gefühl. Architektur funktioniert ganz ähnlich.
Ich habe das geplante lang gestreckten Dach, das sehr massiv wirkte, aufgebrochen; mehrere einzelne Dächer daraus gemacht. Wenn etwas am Stück zu groß ist, muss man es portionieren. Die darunterliegende vorgesehene Glasfassade haben wir an die für diese Region traditionelle Bauweise angelehnt. Geborgenheit statt Distanz.
2010 kam der Auftrag für die Tenne; ich sagte der Inhaberin, dass ich noch kein Hotel geplant habe, aber mein Bestes geben würde und sie vertraute mir… Das begrenzte Budget habe ich mit unkonventionellen Mitteln, wie zum Beispiel Spritzputz aus dem Tunnelbau, einhalten können. Seitdem habe ich viele weitere Aufträge von ihr erhalten. Und so kamen auch andere Hoteliers auf mich zu. Hotels sind eine sehr willkommene Herausforderung für mich. Wir werden sehen, wie viele es noch werden…
Martin Gruber ist Architekt, Bildhauer, Naturbahnrodler und Kosmopolit. Geboren ist er in Südtirol, gelebt hat er in Brasilien, gearbeitet in Moskau und China. Er ist ein Architekt, der zuhört, der das Offene sucht. Und Räume baut, die sich nicht erklären – sondern erzählen.
Projekt: Guesthouse Freiform
Ort: Klausen, Südtirol, Italien
Architekt: Martin Gruber
Typologie: Ferienhaus
Materialien: Sichtbeton, Glas, Holz
Besonderheit: organisch geformter Grundriss ohne Fluchten
Aufmacherbild © Tobias Kaser