Staying another night: Wie ein kleines Dorf neu erfunden wurde

Reise
Zannier Île de Bendor: Pool im Vordergrund, hinten das Hotel
Der Poolbereich des Delos fügt sich zurückhaltend in die mediterrane Landschaft der Insel ein © DePasquale+Maffini for Zannier Hotels
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In unserer Kolumne schreibt Carsten K. Rath über Hotels, die man entweder nicht mehr verlassen oder in die man zumindest möglichst bald wiederkommen möchte. Dieses Mal: das „Zannier Île de Bendor“.

(Für den Inhalt dieses Artikels aus der "Staying another night"-Serie ist allein der Autor verantwortlich; er spiegelt nicht zwingend die Haltung der Redaktion wider.)

Gerade einmal sieben Minuten bin ich mit der Fähre vom Hafen von Bandol Nähe Marseille unterwegs, dann bin ich mitten in einem der außergewöhnlichsten Hotelprojekte Europas. Statt eines dominanten Luxusresorts erwartet mich ein mediterranes Inseldorf aus kleinen Gassen, Plätzen und Häusern, das sich wie selbstverständlich in die Landschaft einfügt.

Paul Ricards Vision lebt weiter

Die Geschichte des „Zannier“ beginnt 1950: Der Pastis-Erfinder Paul Ricard kauft die kleine Île de Bendor vor der Küste von Bandol. Er schafft einen Ort für Begegnungen – mit Ateliers, Galerien, Restaurants und Hotels, in denen sich Künstler, Schriftsteller und Reisende begegnen sollen. Gäste wie Josephine Baker, Georges Simenon oder Salvador Dalí prägen über Jahrzehnte den kulturellen Charakter der Insel. Nach einer fünfjährigen Umbauphase führt die Hotelmarke „Zannier Hotels“ diese Idee heute weiter.

Zannier Île de Bendor: Doppelzimmer mit Terrasse
Private Rückzugsorte mit mediterranem Charakter: Die Junior Garden Suiten öffnen sich zu begrünten Außenbereichen © DePasquale+Maffini for Zannier Hotels
Zannier Île de Bendor: Blick vom Bett auf das Meer
Die Pavillon Suiten verbinden klare Architektur mit Materialien, die den Riviera-Stil der 1960er-Jahre neu interpretieren © DePasquale+Maffini for Zannier Hotels

General Manager Emmanuel Blanchemanche beschreibt das Projekt als Wiederbelebung von Paul Ricards ursprünglicher Idee: kein abgeschottetes Hotel, sondern ein lebendiges Dorf, in dem sich Gäste, Einheimische, Künstler und Gastronomie begegnen.

Gebaut, als wäre es immer da gewesen

Über fünf Jahre wurde die sieben Hektar große Insel umgebaut. Die Architekten von "Hardel Le Bihan Architectes“ aus Paris entwickelten eine kleinteilige Insellandschaft aus Plätzen, Gassen und Häusern, die mit der Topografie verschmilzt. Das „Zannier Design Studio“ übersetzte diese Haltung in die Innenräume – mit natürlichen Materialien und handwerklicher Präzision. Das Ensemble erinnert eher an ein über Jahrzehnte gewachsenes provenzalisches Inseldorf als an ein neu eröffnetes Luxusresort.

Zannier Île de Bendor: Kleine Boote vor kleinen Häusern
Die Madrague Houses wirken wie private Inselhäuser – mit Gärten und direktem Bezug zur Umgebung © DePasquale+Maffini for Zannier Hotels
Zannier Île de Bendor: Gemütlicher Sitzbereich mit Sofas und Sofatischen
Im La Table Delos trifft eine elegante Atmosphäre auf eine Küche, die den Geschmack der Côte d’Azur interpretiert © DePasquale+Maffini for Zannier Hotels

Die 93 Zimmer und Suiten verteilen sich auf drei unterschiedliche Wohnwelten – vom Riviera-inspirierten Delos über das ruhigere Soukana bis zu den privaten Madrague Houses. Es gibt keine ikonische Lobby, keine spektakuläre Eingangshalle und keinen Versuch, das Mittelmeer mit Architektur zu übertrumpfen. Stattdessen führt mein Weg durch schmale Gassen, kleine Plätze und begrünte Innenhöfe. Die Gebäude bleiben  niedrig, die Proportionen orientieren sich an den historischen Fischerhäusern der Region. Naturstein, Kalkputz, Holz und Keramik bestimmen das Bild.

Zannier Île de Bendor: Doppelzimmer mit großem Bett, Vorhngen und oben abgerundten Fenstern mit Blick auf Bäume
Natürliche Materialien, reduzierte Formen: Die Zimmer des Delos setzen auf zeitlose mediterrane Gelassenheit © DePasquale+Maffini for Zannier Hotels

Die Handschrift von Zannier Hotels

Die Gebäude sollen nicht als Objekte wahrgenommen werden, sondern als Teil der Landschaft. Dieser Ansatz zieht sich durch alle Häuser der „Zannier“-Gruppe. In Namibia greifen die Lodges traditionelle Rundhütten auf, in Vietnam orientiert sich die Architektur an historischen Fischerdörfern und in Kambodscha an den Stelzenhäusern der Khmer.

Die Hotels der Zannier-Gruppe verfolgen die „Simple Mastery“-Philosophie – die Meisterschaft der Einfachheit. Gründer Arnaud Zannier versteht darunter einen ganzheitlichen Ansatz für Luxus-Hotellerie, der auf Protz verzichtet und stattdessen die Schönheit des Schlichten, Authentischen und Unverfälschten zelebriert. Mit Group Executive Director Dominik Künstle baut die Gruppe diese Philosophie international weiter aus.

Zannier Île de Bendor: Badezimmer mit Blick aufs Meer und freistehender Wanne
Die Solea Suiten greifen mit Licht, Raum und Materialität die Leichtigkeit des Südens auf © DePasquale+Maffini for Zannier Hotels

Kulinarik als Teil des Ortes

Diese Konsequenz zieht sich bis in die Küche: Auch die Gastronomie folgt dem Prinzip, den Charakter eines Ortes sichtbar zu machen. In den Restaurants unterstützen Köche aus dem Zannier-Hotel in Vietnam das Team um Küchenchef Lionel Levy – begleitet von Alain Bachmann, General Manager in Vietnam und Kurator der „101 Besten Hotels“. Wissen wird innerhalb der Gruppe genauso selbstverständlich geteilt wie Gestaltung.

Zannier Île de Bendor: Im Nonna Bazaar treffen Hotelgäste und Einheimische auf mediterrane Küche
Im Nonna Bazaar treffen Hotelgäste und Einheimische auf mediterrane Küche und ungezwungenes Inselleben © DePasquale+Maffini for Zannier Hotels

Je länger ich über die Insel gehe, desto mehr fällt mir auf, dass es kaum Blickachsen gibt, die zufällig entstanden sind. Immer wieder öffnen sich Ausblicke auf das Meer, kleine Plätze oder Gärten. Die Wege entschleunigen. Ich laufe langsamer, bleibe häufig stehen und nehme die Insel in Ruhe wahr. Gute Architektur verändert eben nicht nur Räume – sie entschleunigt auch ihre Besucher.